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Dossier: Religiöse Minderheiten

Dossier:
Religiöse Minderheiten zwischen Großkirchen und Rechtsstaat

Folgende Aussagen von Gelehrten aus der Theologie, der Soziologie und der Rechtswissenschaft, die noch vornehmlich aus den 1980er Jahren stammen, verdeutlichen wie wenig Bemühungen es seither im deutschsprachigen Raum gab, in der sog. „Sektendebatte“ auf die Stimmen der Aufklärung zu hören. Leider werden religiöse Minderheiten noch immer durch staatliche und großkirchliche Institutionen pauschal stigmatisiert sowie durch diverse öffentliche Medien diffamiert. Referenzen zu ausführlichen wissenschaftlichen Abhandlungen über die systematische Diskriminierung von Neuen Religiösen Bewegungen können Sie aus unserer Literaturliste entnehmen.

1. KIRCHLICHE UND THEOLOGISCHE STELLUNGNAHMEN

2. SOZIALWISSENSCHAFTLICHE STELLUNGNAHMEN UND ERGEBNISSE WISSENSCHAFTLICHER UNTERSUCHUNGEN

3. STELLUNGNAHMEN ZU RECHTLICHEN FRAGEN

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung vom ehem. Pressedienst der VK in Österreich.

 

Teil 1:

KIRCHLICHE UND THEOLOGISCHE STELLUNGNAHMEN

Dr. Hans KÜNG

Professor für ökumenische Theologie an der Universität Tübingen

Es wäre in der Tat falsch, diese neuen religiösen Bewegungen in der westlichen Welt entweder religionskritisch abzutun oder als bloße ,,Jugendreligionen“ abzuqualifizieren: als handle es sich nur um gesellschaftliche Fluchtphänomene, um jugendliche Schwärmerei und nicht um ein grundsätzliches Problem, an dem sich seismographisch die geheimen Erschütterungen einer Gesellschaft erspüren ließen.

Was also suchen die Anhänger der neuen, neuorientalischen, insbesondere indischen Religionen? Eine Analyse der ,,neuen religiösen Bewegungen“ (,,Concilium“, 1983, Heft 1) ergibt nach dem Herausgeber, dem amerikanischen Religionssoziologen John Coleman, folgende drei Motivationen, die offensichtlich ineinander greifen:

  • Eine Suche nach intensiver Erfahrung ihres Selbst und der umgestaltenden Kraft des Heiligen. Fast alle Kommentatoren der neuen religiösen Bewegungen legen großen Nachdruck auf dieses Thema der Suche nach einer berührbaren, erfahrbaren Religion.
  • Die Suche nach einer tragenden Gemeinschaft.
  • Die Suche nach dem echten Charisma religiöser Führer und so der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen.

(Christentum und Weltreligionen, Piper 1984 S. 248-250)

Dr. Heinz RÖHR
Professor für evangelische Theologie, Kirchen- und Religionsgeschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt/M.

Und wir als freie Christen sollten hellwach werden, wenn zum großen Jagen auf die angeblichen Sektierer, die labilen Systemflüchter und sanften Rebellen, die sich in den sogenannten ,,Jugendreligionen“ sammeln, geblasen wird.

Meine Erfahrungen mit den Jugendreligionen sind ganz anders. Ich habe im Sommersemester 1979 innerhalb des FB Religionswissenschaften an der J.W.Goethe-Universität in Frankfurt ein Projektseminar mit über 70 Studenten durchgeführt.

Und das Ergebnis hat uns in jeder Hinsicht überrascht: Wir mußten feststellen, daß das meiste, was die ,,Sektenpäpste“, allen voran Haack, aber auch Löffelmann, Hauth, Reimer, z.T. auch Mildenberger u.a. gesagt und geschrieben haben, (gelinde gesagt) mit Vorsicht zu genießen ist.

Ich habe Haack gelegentlich im Fernsehen gesehen, und ich muß sagen, ich war erschüttert, wie leichtfertig – vor einem Millionenpublikum – da ,,Wahrheiten“ unter die Masse gebracht wurden. Ich halte es für verhängnisvoll, daß Männer wie Haack als ,,Sektenkenner“ hochgejubelt, bestimmen, was der kirchliche Normalverbraucher über diese Gruppierungen zu denken hat.

(Freies Christentum, Okt. 1979, S. 171)

Dr. Erich GELDBACH
Privatdozent für Kirchengeschichte und ökumenische Theologie an der Universität Marburg

Der moderne Staat rühmt sich zu Recht seiner religiösen und weltanschaulichen Neutralität. Dieses Kennzeichen hat mit Notwendigkeit einen religiösen und weltanschaulichen Pluralismus zur Voraussetzung und zur Folge. Mit religiösen Pluralismus umzugehen ist jedoch nie eine Stärke europäischer Gesellschaften gewesen, wie die Annalen der Mennoniten oder Quäker, der Methodisten oder Baptisten, der Altlutheraner oder anderer Abweichler, die alle auch einmal ,,neue“ Religionen waren, hinlänglich verdeutlichen können. Es gilt, Sachlichkeit zu lernen und vor allem das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.

Sollten sich Neue Religiöse Bewegungen (NRB) krimineller Vergehen schuldig gemacht haben, so bestrafe man sie wie jeden anderen Bürger oder jede andere Personenvereinigung nach den geltenden Gesetzen. Es darf aber nicht Ziel der kirchlichen ,,Bekämpfung“ der NRB sein, auf voreilige gesetzliche Eingriffe abzuheben. Die Gefahr ist groß, daß dieser Schuß nach hinten losgehen könnte. Denn wer garantiert, daß z.B. gesetzliche Vorschriften und Normen, die unter dem Eindruck der NRB-Aktivitäten entwickelt werden, nicht eines Tages auch gegenüber den Kirchen selbst zu Anwendung kommen? Wäre es nicht denkbar, den Weg eines jungen Mannes in das Priesteramt mit Zölibatsverpflichtung z.B. als unnatürliche seelische Grausamkeit, als Psychomutation oder Manipulation zu interpretieren? Welche ,,Langzeitschäden“ werden von manchen kirchlichen Gruppen verursacht? Könnte eine ,,Bekehrung“ nicht als Gehirnwäsche interpretiert werden? Man erinnere sich doch auch daran: Zuerst saßen die Zeugen Jehovas im Konzentrationslager, schließlich auch Martin Niemöller…

Die Kirchen sind gut beraten, sich auf ihre eigenen Mittel und nicht auf die des Staates zu besinnen. Dazu können zwei kirchliche Dokumente als Anleitung dienen, die im vergangenen Jahr entstanden sind. Vier vatikanische Stellen veröffentlichten ein als ,,Zwischenbericht“ gekennzeichnetes Papier mit dem Titel ,,Sekten und neue religiöse Bewegungen. Eine Herausforderung für die Seelsorge“. Der Bericht wertet ca. 75 Antworten auf einen Fragebogen aus, der an die regionalen und nationalen Bischofskonferenzen verschickt wurde. Das zweite Dokument ist auf einer gemeinsam vom Ökumenischen Rat der Kirchen und vom Lutherischen Weltbund im September 1986 in Amsterdam veranstalteten Konsultation erarbeitet worden.

Beide Dokumente fallen durch einen äußerst moderaten Ton auf. Das beginnt schon bei der Wortwahl. Die vatikanische Verlautbarung erklärt ausdrücklich, daß Begriffe wie ,,Sekte“ oder ,,Kultgemeinschaft“ abfällig klingen, und möchte den neutralen Terminus ,,Neue Religiöse Bewegungen“ anwenden. Im zweiten Dokument fragt man weitergehend, was eigentlich ,,neu“ meint, und erinnert daran, daß das Christentum selbst wie die Denominationen einst ,,neu“ waren.

(Die Kirchen und die Neuen Religiösen Bewegungen, Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim, Mai/Juni 1987)

Sekretariat für die Einheit der Christen, Sekretariat für die Nichtglaubenden, Sekretariat für die Nichtchristen, Päpstlicher Rat für die Kultur

Aus Erfahrung wissen wir, daß es im allgemeinen wenig oder überhaupt keine Möglichkeit für einen Dialog mit den Sekten gibt und daß nicht nur sie selbst sich einem Dialog verschließen, sondern daß sie auch ein ernstes Hindernis für ökumenische Bildung und Bemühungen darstellen können, wo immer sie aktiv sind.

Wenn wir aber unseren eigenen Glaubensauffassungen und Grundsätzen – Achtung des Menschen, Achtung der Religionsfreiheit, Vertrauen auf den Heiligen Geist, der in unermeßlicher Weise sich darum bemüht, daß Gottes Liebe die ganze Menschheit, jeden Mann, jede Frau und jedes Kind erreicht – treu sein wollen, dann können wir uns nicht damit zufrieden geben, die Sekten zu verdammen und zu bekämpfen, sie vielleicht als außerhalb von Gesetz oder Gesellschaft stehend zu betrachten, und die Menschen gegen ihren Willen zu ,,deprogrammieren“. Die Herausforderung durch die neuen religiösen Bewegungen liegt darin, unserer eigenen Erneuerung zu einer größeren pastoralen Wirksamkeit einen Impuls zu verleihen.

Wir müssen sicherlich auch in uns selbst und in unseren Gemeinschaften den Geist Christi ihnen gegenüber entwickeln; wir müssen versuchen zu verstehen, wo sie stehen und ihnen, wenn es möglich ist, die Hand in christlicher Liebe entgegenstrecken.

(Sekten und neue religiöse Bewegungen – Eine Herausforderung für die Seelsorge, Referat für Weltanschauungsfragen, 1010 Wien, 1986, S. 28)

Empfehlungen der Amsterdamer Konsultation über Neue Religiöse Bewegungen vom 7.-13.9.1986 an die Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) und des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK)

Wir empfehlen, daß theologische Seminare und Fakultäten ihre Verantwortung ernst nehmen, christliche Geistliche und Laien für den Dienst in einer religiös pluralen Welt vorzubereiten, in der Erkenntnis, daß neue religiöse Bewegungen Teil dieses Pluralismus sind.

Wir empfehlen Kirchenmitgliedern die ,,Leitlinien zum Dialog“ des ÖRK als Studienhilfe zum Nachdenken über den Sinn von ,,Dialog“, sowie die allgemeinen Leitlinien, die unsere Teilnahme am Dialog mit Menschen anderen Glaubens bestimmen können.

Einzelne ,,Leitlinien“ sind vielleicht von besonderer Bedeutung für den Dialog mit Menschen neuer religiöser Bewegungen:

  • Partner im Dialog sollten frei sein, ,,sich selbst zu definieren“, und nicht durch die Vorstellungen und Klischees anderer definiert werden.
  • Wir treten in einen Dialog mit Menschen ein, nicht mit Etiketten oder Systemen.
  • Im Dialog sollte man nicht die eigenen Ideale mit den Exzessen oder dem Versagen der anderen Religion vergleichen.
  • Dialogpartner sollten sich der ideologischen Überzeugungen (commitments) bewußt sein, die jeder von ihnen vielleicht hat, sowie der politischen und sozialen Zukunftsbilder (visions) der jeweiligen Traditionen.

…Eine besondere Empfehlung: Es wird empfohlen, daß von Vertretern des LWB, des ÖRK und möglichst auch des Vatikans eine Konsultation mit Vertretern neuer religiöser Bewegungen organisiert wird, um das Problem der Menschenrechte in ihren wechselseitigen Beziehungen und anderen Aktivitäten zu diskutieren. Die Aufgabe der Konsultation würde darin bestehen, einige Leitlinien auszuarbeiten, die die Bedürfnisse und Interessen aller Beteiligten für den Schutz ihrer – individuellen und kollektiven – Freiheit und Integrität zum Ausdruck bringen. Zu solch einer Konsultation sollte eine gleiche Anzahl von Teilnehmern vonseiten der christlichen Kirchen und vonseiten der neuen religiösen Bewegungen eingeladen werden. Jeder Beteiligte sollte für die Kosten seiner eigenen Vertreter und für seinen Anteil an den allgemeinen Unkosten aufkommen.

(Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, 2/87)

Teil 2: 

SOZIALWISSENSCHAFTLICHE STELLUNGNAHMEN UND ERGEBNISSE WISSENSCHAFTLICHER UNTERSUCHUNGEN

DDr. Michael W. FISCHER
Professor am Institut für Rechtsphilosophie, Methodologie der Rechtswissenschaften und Allgemeine Staatslehre, Universität Salzburg / Dr.jur.can. Johannes NEUMANN Professor am Soziologischen Seminar der Universität Tübingen, Abt.Rechts- und Religionssoziologie

Die Angehörigen von Minderheiten, seien sie nun religiöser, rassischer, gesellschaftlicher, ökonomischer oder politischer Genese, werden gegenwärtig wieder deutlicher aus der verunsicherten Gesellschaft ausgegrenzt. Gerade weil die so oft berufene ,,schweigende Mehrheit“ die sie verunsichernden Ängste dort, wo sie ihren wirklichen Ursprung haben, entweder nicht festmachen kann oder will (weil sie die Ursachen auch gar nicht genau zu bestimmen vermag), werden andere zu Sündenböcken gemacht. Diese Sündenbockmentalität tritt deutlich zutage, wo bestimmte Gruppierungen ausgemacht werden können, auf die der Zorn der Gesellschaft gelenkt werden kann. In der späten Kaiserzeit des römischen Reiches waren es die Christen; als dann die Kaiser sich bekehrt hatten, die Heiden, später die Ketzer und die Hexen, um schließlich im Holocaust der Judenverfolgung einen grausamen Höhepunkt zu erreichen. Gegenwärtig sind es die neuen religiösen Bewegungen, die Terroristen und Asylanten, die AIDS-Kranken, aber auch bereits Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger. Morgen sind es vielleicht die lästigen Pflegefälle der Alten und Siechen.

Jedes soziale System schafft sich seine Außenseiter; an dem abweichenden Verhalten wird das Wertgefüge der eigenen Normalität erkennbar und deutlich gemacht. Solche marginalisierende Zuschreibungen haben etwas ungemein Entlastendes, denn auf diese Weise müssen die dominanten Gruppen einer Gesellschaft sich keine Rechenschaft darüber geben, weshalb bestimmte Phänomene, wie beispielsweise neue religiöse Bewegungen, in der konkreten gesellschaftlichen Situation eine solche Bedeutung, wie man sie ihr zuschreibt, überhaupt erhalten können. Ihre Diskriminierung enthebt die Mehrheit von jeglicher Auseinandersetzung mit der von der Minorität ausgehenden, vielleicht unangenehmen, weil die eigene Position verunsichernden Anfrage.

(Einleitung, Toleranz und Repression, Campus Verlag, S. 11f)

Dr. Alois HAHN
Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Trier

Ein Gespenst geht um in diesem unserem Lande. Neue Sekten sind eingedrungen und bemächtigen sich der Seelen unserer Jugendlichen. Vom Parlament bis zu den Kirchen, von der seriösen bis zur Regenbogenpresse scheint sich alles einig zu sein über den gefährlichen Abgrund, der sich da für unsere Gesellschaft auftut. Die häufigsten Vorwürfe lauten, daß Kinder sich ihren Eltern entfremden, schwere Persönlichkeits-veränderungen erleiden, sich im normalen Leben später nicht mehr zurechtfinden und in Extremfällen, schwerstens psychisch gestört, Selbstmord verüben. Dabei wird suggeriert, solche Fälle seien typisch und vor allem weit verbreitet.

Nach den vorliegenden seriösen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen geht es um wenige tausend Leute in der ganzen Bundesrepublik. Vergleicht man diese Zahl etwa mit der der jugendlichen Arbeitslosen, die ums Mehrhundertfache höher liegt, dann erhält man den Eindruck, bei unserer Sorge um die Jugend stimmen die Proportionen ganz einfach nicht mehr.

Daß es gerade die Kirchen sind, die heute in den neuen Sekten eine solche Gefahr sehen, hängt sicher weder ausschließlich noch primär mit der Angst vor konkurrierenden religiösen Sinnstiftungen zusammen. Man wird echte seelsorgerische Teilnahme am Schicksal der zu den Sekten überlaufenden jungen Leuten nicht leugnen können. Ganz vernachlässigen kann man den Konkurrenzfaktor allerdings auch nicht. Kirchliche Feindschaft gegen Sektenkonkurrenz hat jedenfalls eine lange Tradition. Was im übrigen den Hinweis auf die ,,Abstrusität“ der neuen Lehren, ihre ,,Irrationalität“ betrifft, so wird man wohl nicht übersehen können, daß allen religiös Gläubigen der jeweilige ,,Irrglaube“ der anderen recht abstrus vorkommt.

(Westermanns Monatshefte, Januar 1985)

Dr. Lukas MOELLER
Professor am Zentrum der psychosozialen Grundlagen der Medizin, Universität Frankfurt/M.

Haben wir nicht eine verführerische Gelegenheit, über diese ,,anderen“ herzuziehen, um abzulenken von der eigenen Enttäuschung und der eigenen Unzufriedenheit, die unter uns zunehmen angesichts der immer komplexer werdenden Belastungen unseres täglichen Lebens? Bieten Berichte und Gerüchte über Sekten nicht hochkonzentrierten Stoff zum Klatschen: Brutalität, Sex, Perversionen, exotische Sitten, befremdendes und faszinierendes Auftreten, Moral und nostalgische Vereinfachung des Lebens (vgl.z.B. Fuchs, 1979; Nannen, 1979)? Ist nicht üppig Raum für unsere Phantasie, wenn Sekten in unserer Vorstellung einmal einem Strafgefangenenlager, dann wieder einem Ort ewiger Ferien gleichen? Schon immer wußten wir uns durch solche Sensationsmeldungen von eigenem unbehaglichen Druck zu entlasten. Der psychodynamische Vorgang ist ebenso einfach wie durchschlagend: alles Böse, alles Triebhafte, alles Neuartige (und damit übrigens auch potentiell Kreative) – genauer gesagt, alles, was wir in uns selbst tragen und so negativ bezeichnen müssen, weil wir es nicht in unser persönliches Leben aufzunehmen, zu integrieren vermögen, all das können wir jetzt projektiv herauslassen. Wir können uns gerade zu austoben in zügellosen Bildern über die Sekten. So finden die sonst durch Schuldgefühle und Ängste verdeckten eigenen Impulse teilweise ihre Befriedigung. Der besondere Gewinn liegt aber darin, daß wir in diesem unbestraften Ausleben auch noch empörte Ablehnung folgen lassen können. Wir verdammen diese Sekten, denen wir zuvor den nicht verarbeiteten, negativierten, sozusagen ungaren Teil unseres Selbst zugeschrieben haben. So schieben wir unseren Konflikt mit uns und unserer nächsten Umwelt auf die Auseinandersetzung mit den Sekten ab. Indem wir uns so veräußern, suchen wir das eigene Unbehagen zu lindern.

Natürlich enthebt uns das nicht der Aufgabe, auch zu überprüfen, inwieweit die Sekten unseren Projektionen möglicherweise entsprechen.

(Kirche – Lebensraum für Jugendliche, Matthias Grünewald-Verlag, Mainz 1980, S. 133f)

Dr. Rainer FLASCHE
Privatdozent im Fachgebiet Religionsgeschichte an der Phillips-Universität Marburg

Über 90% aller Meldungen in der Presse kreisen um immer wieder dieselben Vorwürfe mit immer den gleichen ,,Zeugen“ und ,,Informanten“. Eine wirkliche Aufklärung wird hier also nicht betrieben, noch sind auch nur Spuren von einer theologischen (apologetischen) Auseinandersetzung festzustellen. Symptomatisch für diese ,,Durchlässigkeit“ bei der Berichterstattung über die sogenannten Jugendreligionen ist beispielsweise auch, wenn in der Rheinpfalz, Ludwigshafen, vom 20.4.1982 in einem Bericht über das Symposium ,,Neue Religionen – Heil oder Unheil“ im Rahmen der ,,Frankenthaler Gespräche“ der Sektenbeauftragte der westfälischen Kirche, Pfarrer R. Hauth, lediglich mit folgendem Satz über das Innenleben der Vereinigungskirche zitiert wird: ,,Welches Elend und welche Tragödien sich dort abgespielt haben, da läuft es einem kalt den Rücken runter.“

Diese ,,religiöse“ Auseinandersetzung, die an die Stelle der Argumentation Vorwürfe verschiedenster Art setzt und meist plakativ verfährt, geht meiner Ansicht nach nicht nur an den eigentlichen Problemen, religiösen Defiziten in unseren Großkirchen, vorbei, sondern vermag auch letztlich keine wirkliche Argumentationshilfe an die Hand zu geben, da sie über Lehre und Selbstverständnisse der sogenannten Jugendreligionen und ihrer Anhänger nicht aufzuklären vermag, also auch nicht die Gründe und Beweggründe der Anhänger für ihren Eintritt deutlich machen kann. Es bleiben tatsächlich mehr Pauschalurteile, die bis zur Verunglimpfung reichen können, als sachliche Information und sachgemäße Auseinandersetzung. Gerade das aber birgt in sich auch die Gefahr, daß auf Grund dieser Unsachgemäßheit nicht nur immer mehr Verunglimpfung, sondern unter gewissen Umständen auch Verfolgungen erwachsen könnten.

Diese Befürchtung könnte sich umso mehr verstärken, je krisenhafter die gesellschaftlichen Situationen sich entwickeln könnten, zumal in Umbruchs- und Krisenzeiten, wie die Geschichte lehrt, Minderheiten welcher Art auch immer, nicht selten zur Abreaktion herhalten müssen. Dies sollte uns dazu veranlassen, die Auseinandersetzungen mit den religiösen Minderheiten auch in Gestalt der Jugendreligionen auf anderen Ebenen und in anderen Formen zu suchen.

(Gewissen und Freiheit, 19/1982, S. 54ff)

„WIENER STUDIE“
durchgeführt von Dr. Herbert BERGER u. Dr. Peter HEXEL, Europäisches Zentrum für Ausbildung und Forschung auf dem Gebiet der sozialen Wohlfahrt in Wien, finanziert vom Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit der BRD:

Empfehlungen zum Umgang mit Neuen Religiösen Bewegungen aus der Sicht des Forschungsteams:

Aus unserer Sicht muß eine Information über die NRB (Neuen Religiösen Bewegungen) drei Kriterien erfüllen: Sie muß ausgewogen, sachlich und selbstkritisch sein. Ausgewogen heißt, nicht durch Anhäufung negativer und Auslassung positiver Aspekte das Bild zu verzerren, heißt, den Beobachtungen die Bedeutung zuzumessen, die ihnen innerhalb der Gruppe zukommt, und nicht jene, die in das Interpretationsschema des Beobachters passen. Es dürfen nicht einzelne Vorkommnisse als typisch hingestellt werden, bestimmten Lebensregeln nicht eine Bedeutung zugesprochen werden, die sie nicht haben, Perspektiven dürfen nicht verzerrt werden. Das, was dem Außenstehenden zuerst in die Augen springt, mag für die Gruppe gar nicht so wichtig sein; was auf Grund der kulturellen Andersartigkeit sofort registriert wird, wird auch meist falsch interpretiert. Es ist weiters sehr billig, religiöse Riten ins Lächerliche zu ziehen und symbolische Ausdrucksweisen verschiedener Texte der Gruppen in einer Weise zu interpretieren, die den Gruppenintentionen nicht entsprechen – auch religiöse Texte der Großkirchen können auf einen nicht Eingeweihten sehr befremdend wirken, sie haben nur ihre Schärfe in der gewohnten Unverbindlichkeit verloren. Eine sachliche Information erfordert überdies eine Beschreibung, bei der Beobachtung und Beurteilung in erkennbarer Weise voneinander getrennt werden. Auch das trifft auf die gängige Berichterstattung über die NRB nicht zu. Ebenso fehlt meist das selbstkritische Element, nämlich das Einbekenntnis der Relativität und Gebundenheit des eigenen Standorts. Bei der Berichterstattung über NRB werden diese Prinzipien permanent verletzt. Das ist deswegen möglich, weil die auf Sensationen ausgerichtete Verfälschung mit breiter Zustimmung rechnen kann. Geschädigt werden damit aber nicht nur die Mitglieder der Gruppen selbst, sondern auch ihre Angehörigen und ehemalige Mitglieder.

(Ursachen und Wirkungen gesellschaftlicher Verweigerung junger Menschen unter besonderer Berücksichtigung der Jugendreligionen, Wien 1981, S. 356)

Mag.Dr. Werner PÖLZ
Institut für Systemwissenschaften, Johannes-Kepler¬Universität Linz

Ich möchte nicht als Befürworter der Sekten mißverstanden werden, aber durch die andauernde pauschale Verdammung von Jugendsekten, ohne eingehende Auseinandersetzung wird der Eindruck verbreitet, daß nur dumme, chaotische Jugendliche sich solchen Religionen anschließen. Durch meine Untersuchungen konnte ich aber aufzeigen, daß es sich sowohl bei den Mitgliedern als auch bei den gefährdeten Jugendlichen um hochengagierte, idealistische Menschen handelt, die leider durch die etablierte Kirche nicht mehr angesprochen werden können. Die etablierten Religionen müssen statt nur einer einseitigen Verdammung der Jugendreligionen endlich anfangen, sich mit diesem Ideengut auseinanderzusetzen und eventuell daraus zu lernen.

Die Sektengefährdeten können als jene Personengruppe betrachtet werden, die eine ausreichende emotionale Basisversorgung in ihrer Herkunftsfamilie erlebt hat, die aber in ihrem bisherigen Leben ein starkes Auseinanderklaffen zwischen den eher hochgesteckten ideellen Zielen und Erwartungen an verschiedene Lebensbereiche und den tatsächlichen Lebenserfahrungen in diesem Bereich hinnehmen mußte. Es sind durchgängig hochidealistische Jugendliche, die sich für etwas einsetzen wollen, die aber weitestgehend noch nicht wissen, wofür sie sich denn einsetzen sollen und wofür es sich lohnt, sich in einem solchen Maße anzustrengen. Gleichzeitig suchen diese Jugendlichen in hohem Maße Gemeinschaft und das Gefühl des emotionalen Angenommenseins, wofür sowohl das hohe Familienideal einerseits, als auch andererseits das Motiv spricht, daß die sektengefährdeten Jugendlichen eben Personen suchen, mit denen sie ihre ,,Lebensfreude“ gerne teilen könnten.

(Jugendsekten – Prognose über das Gefährdungspotential bei Jugendlichen, aus Linzer Universitätsschriften, Beiträge zur Systemforschung, Springer Verlag 1985, S. 219ff)

Dr. Tobias A. M. WITTEVEEN
Deputy Clerk Second Chamber States General, Den Haag

Diese Untersuchungen über die Natur, das Ausmaß und die Ernsthaftigkeit der Gefahr, die den NRB zugeschrieben wird, führten weder zu gleichen noch auch nur annähernd gleichen Ergebnissen.

Es drängt sich die Frage auf, warum die Untersuchungsergebnisse hinsichtlich ein und desselben Phänomens so stark variieren. Wenn es wahr ist – und dies steht außer Streit -, daß viele NRB international verbreitet sind, und wenn es wahr ist, daß weltweit dieselben in diesen Bewegungen liegenden Gefahren beobachtet werden können – wie aus Anti-Kult-Kreisen verlautet -, dann dürften sorgfältige Analysen dieser Phänomene kaum mehr als minimale Abweichungen zeigen. Die an die Regierung gerichteten Empfehlungen mögen in jedem Land andere sein, weil sie dem jeweiligen Rechtssystem entsprechen müssen, aber ihre theoretische Grundlage (die Natur, das Ausmaß und die Ernsthaftigkeit der angeblichen Gefahren und die Notwendigkeit staatlicher Intervention) müßten dasselbe Bild ergeben. Trotzdem stellt sich in der Praxis das Gegenteil heraus.

Meiner Meinung nach liegt die Erklärung hauptsächlich in der unterschiedlichen Einstellung der verschiedenen, die Untersuchung durchführenden Menschen; sie zeigt sich in der Intention, den angewandten Methoden und dem Verfahren. Im großen und ganzen glaube ich, zwei Kategorien unterscheiden zu können: Einerseits jene, die von vornherein von der Schädlichkeit der NRB überzeugt waren; sie geben sich damit zufrieden, ihrer Überzeugung durch Hinweis auf illustrative Vorfälle Nachdruck zu verleihen, um so ihre Aufmerksamkeit Plänen zu widmen, wie die angeblich schädlichen Auswirkungen verhindert oder zumindest abgeschwächt werden könnten. Andererseits gibt es jene, die ursprünglich keine eindeutige Meinung über NRB hatten; sie versuchen sich auf Grund von Untersuchungen eine Meinung zu bilden und stellen Überlegungen an, ob es zu schädlichen Auswirkungen kommen könnte, die Grund zu staatlicher Intervention geben.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus mag die Beschreibung der erstgenannten Kategorie einer Verunglimpfung gleichkommen. Man muß sich aber vor Augen halten, daß ich in diesem Fall nicht von wissenschaftlicher Forschung spreche, sondern in erster Linie von politischen, öffentlichen Untersuchungen. Im politischen Bereich ist bereits der Entschluß zu einer Untersuchung von NRB eine wichtige Tatsache, die von der Anti-Kult-Bewegung zu Recht als Sieg ihrer Sache gedeutet wird. Dieser Entschluß an sich ist Ausdruck eines politischen Wunsches, und Politiker, die eine solche Entscheidung gefällt haben, fühlen sich zunächst erleichtert und stimmen der Tendenz dieser Entscheidung zu. Sie werden sich alle Mühe geben, sich den Vorwurf, versagt zu haben, zu ersparen und einen klaren Erfolg für sich zu buchen. Darüberhinaus werden sie versuchen sicherzustellen, daß das Ausmaß des Erfolges mit der Tendenz ihrer Entscheidung übereinstimmt. Da die die Untersuchung durchführenden Politiker mehr oder weniger erfolgreich die politischen Auswirkungen ihrer Entscheidung, eine Untersuchung durchzuführen, überwunden haben, werden die Ergebnisse ihrer Tätigkeit variieren.

(Begrenzung staatlicher Toleranz in der niederländischen Gesellschaft, Toleranz und Repression, Campus Verlag, S. 343f)

 

Teil 3: 

STELLUNGNAHMEN ZU RECHTLICHEN FRAGEN

 

Dr. Baldur Ed. PFEIFFER
Dozent für Geschichte, Institut für Gewissens- und Religionsfreiheit, Theologisches Seminar Marienhöhe, Darmstadt

Wenn auch religiöse Minderheiten heute in Europa weitgehend verfassungsmäßig eine Gleichstellung erhalten haben, der säkularisierte Staat vom Gleichheitsprinzip ausgeht und sie rechtlich nicht länger in Kirchen und Sekten einteilt, besteht doch in der öffentlichen Meinung nach wie vor eine gravierende Kluft zwischen Idee und Wirklichkeit. Die Begründung dazu liegt darin, daß weitgehend die rechtliche Gleichstellung nicht von den Kirchen, sondern von den weltlichen Behörden herbeigeführt wurde, und daß erstere, im Gegensatz zu den amerikanischen Kirchen, diesen Wandel weder bewußt nachvollzogen haben noch dieses Erbe gemeinsam tragen und verteidigen. Jüngste Erfahrungen im Umgang mit den neuen religiösen Bewegungen und Kulten der Gegenwart lassen dies besonders erkennen, da plötzlich wieder alte Voreingenommenheiten aufleben und auch wieder etablierte Religionsgemeinschaften in die ,,Sektenszene“ eingereiht werden. Begriffe wie ,,Sektenkunde“ und ,,Sektenbeauftragte“ bekommen Aufwind und tragen in der Öffentlichkeit nicht unbedingt zu einer Beruhigung bei, zumal wieder alle Minderheiten Gefahr laufen, als Sekten betrachtet zu werden. Dabei wird dieser Begriff weniger religionswissenschaftlich oder konfessionskundlich angewandt, sondern trägt eher polemisch-tendenziöse Schattierungen der Abwertung und somit einer Diskriminierung. Zu einem großen Teil geht dieses Bild auch auf die Darstellung in den Massenmedien zurück, die sich für viele Menschenrechte vorbildlich einsetzen, im Fall Religionsfreiheit aber noch nicht den nötigen Wandel konsequent nachvollzogen haben. Somit bleibt sich letztlich in Europa in ihrer Verteidigung jede religiöse Minderheit selbst überlassen.

(,,Religionsfreiheit“ in Europa heute, Toleranz und Repression, Campus Verlag, S. 47)

Dr. Gerold L. EBERLEIN
Professor für Soziologie an der Universität München

Die Folgerung ist, daß mit Verfolgung und Kriminalisierung neuer Religionsgruppierungen endlich Schluß zu machen ist. Solange Juristen aus der Einsicht, mit strafrechtlichen Mitteln könne ,,dem Treiben nicht wirksam begegnet werden“, folgern, nun müßten Anti-Sektengesetze her, und die im Grundgesetz verbürgte Freizügigkeit müsse für ausländische Religionswerber eingeschränkt werden; solange ein Pfarrer glaubt, unsere verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit sei ,,nicht gewährleistet, um irgendwelchen Organisationen Freilauf zu erlauben“ – solange kämpfen durchaus legitime Sektengegner mit illegitimen Mitteln. Wenn die etablierten Kirchen den nichtetablierten konkurrierenden Gemeinschaften illegitime Rekrutierungspraktiken unterstellen (wie oft sind sie denn hierzulande gerichtskundig gemacht worden?), sollen sie sich besser eigener früherer, weniger erbaulicher Rekrutierungspraktiken erinnern; aber auch dessen, daß sie selbst einmal verfolgt wurden. Von persönlicher Verunglimpfung über Unterstellungen und Verdächtigungen aller Art bis zur Kriminalisierung, Vertreibung, individueller Tötung oder kollektiver Ausrottung erstreckt sich das historische Spektrum des Grauens. Ob heute Glaubensverfolgung selbst in kleinstem Maßstab angehe, ist auch eine Frage der Taktik; zugleich aber der Legalität und, hoffentlich nicht zuletzt, der Humanität.

(Evangelische Kommentare, April 1982, S. 189f)

Dr. Richard PUZA
Universitätsprofessor, Tübingen

Die Rechtsstellung der ,,Sekten“:

Die Regelungen des österreichischen Staatskirchenrechts in unserer Frage entstammen verschiedenen Epochen. Den Anfang setzte das Staatsgrundgesetz 1867 über die Rechte der Staatsbürger (Art. 14-16). Es wurde 1945 durch das Verfassungsüberleitungsgesetz in die Rechtsordnung der 2. Republik übernommen. Neue Akzente wurden durch den StVStGermain (Staatsvertrag von St.Germain, insbesondere Art. 63 Abs. 2) und vor allem durch die MRK (Menschenrechtskonvention) gesetzt (Art. 9).

Es ist zu unterscheiden zwischen gesetzlich anerkannten Religions-, nicht anerkannten Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Nur die gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften sind Körperschaften öffentlichen Rechts und als solche auch rechtsfähig. Die Weltanschauungsgemeinschaften können sich als Vereine nach dem Vereinsgesetz konstituieren und dadurch Rechtsfähigkeit erlangen. Sie unterliegen dann allerdings auch dessen Polizeiaufsicht. Da Par. 3 lit.a. Vereinsgesetz 1951 die Anwendung dieses Gesetzes auf Religionsgesellschaften überhaupt ausschloß und nach herrschender Lehre wohl auch ausschließt, können die nicht anerkannten Religionsgemeinschaften nur sogenannte Hilfsvereine nach dem Vereinsgesetz bilden. Die gegenteilige Auffassung wird von Höslinger, Ermacora, Gampl und jetzt auch Melichar, Fessler-Kölbel, Schultschik und Aicher vertreten. Die Praxis des Bundesministeriums für Inneres als Vereinsbehörde hat gelegentlich die Bildung von ,,Sekten“ als Vereine zugelassen, besonders um die Anrufung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu vermeiden. Das Bundeskanzleramt/ Verfassungsdienst hat sich aus dem gleichen Grund dieser Auffassung angeschlossen. Das Ministerium für Unterricht und Kunst/Kultusamt wandte sich grundsätzlich gegen eine solche Praxis. Die Praxis der Vereinsbehörden ist nicht einheitlich. Vielfach werden solche Vereinsbildungen abgelehnt bzw. Änderungen der eingebrachten Statuten erfolgreich empfohlen.

Neben der bis heute also offenen Frage der Korporationsqualität der gesetzlich nicht anerkannten Religionsgemeinschaften und der ebenso offenen Frage, ob das Recht der Kultusfreiheit nach Art. 63 (2) StVStGermain auch ein Kollektivrecht sei, scheint es sinnvoll, auf die Frage der Gleich- bzw. Ungleichstellung der gesetzlich anerkannten und gesetzlich nicht anerkannten Religionsgemeinschaften einzugehen. Der individuell gewährleistete Freiheitsbereich der Anhänger eines gesetzlich nicht anerkannten Bekenntnisses ist nämlich durch die einschlägigen Bestimmungen des österreichischen Staatskirchenrechts so umfangreich, als er durch individuelle Rechte nur irgendwie gewährleistet werden könnte. Das beweist eine Gegenüberstellung der Rechte der gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften und der Anhänger der nicht anerkannten Religionsgemeinschaften. Beide haben das Recht der öffentlichen Religionsausübung (Art. 15,1. Halbsatz StGG; Art. 63 Abs. 2 StVStGermain), der selbständigen Ordnung und Verwaltung der ,,inneren“, das heißt der die Religion und Religionsgemeinschaft betreffenden Angelegenheiten, das Recht ,,auf eigene Kosten Wohltätigkeits-, religiöse und soziale Einrichtungen, Schulen und andere Erziehungsanstalten zu errichten, zu verwalten und zu beaufsichtigen“ (Art. 67 StVStGermain; analog Art. 15, 3. Halbsatz StGG). Beide stehen aber in ihrem Wirken grundsätzlich unter dem Vorbehalt der öffentlichen Ordnung, worauf noch einzugehen ist. Ungleichstellung besteht in folgenden Bereichen: Ausschließlichkeitsrechte, Religionsunterricht, Begünstigungen abgabenrechtlicher Natur u.a.. Dies gilt auch für die religionsbezogene Weltanschauung.

So ist zum Schluß angebracht, erstens auf die Notwendigkeit eines Ausführungsgesetzes zu Art. 16 StGG zu verweisen, das den gesetzlich nicht anerkannten Religionsgemeinschaften die Möglichkeit bieten sollte, sich als Rechtspersönlichkeit zu konstituieren, ohne der gegenüber Religionsgemeinschaften verfassungsrechtlich bedenklichen Polizeiaufsicht des Vereinsgesetzes zu unterliegen.

(Zur Rechtsstellung der ,,Sekten“ in Österreich, Oekumenisches Forum, Grazer Hefte für konkrete Ökumene, Nr. 7, 1984, S. 29f, 38)

Mag.Dr.jur. Gerd SCHULTSCHIK
Ein weiteres Problem liegt darin, die Praxis der Gesetzesinterpretation des Paragraphen 3 VerG (Vereinsgesetz) unter dem Blickwinkel der Grundrechte zu sehen. Die Anhänger eines religiösen Bekenntnisses haben nun zwar die Möglichkeit, sich nach diesem Anerkennungsgesetz zu konstituieren; wenn sie jedoch die Voraussetzungen des ,,speziellen Vereinsgesetzes“ nicht erfüllen, verwehrt ihnen die Praxis die Vereinsbildung nach dem ,,allgemeinen Vereinsgesetz“ unter Berufung auf Paragraph 3a VerG; damit widerspricht die Praxis dem Grundrecht der vollen Vereinsfreiheit. Eine weitere Frage ist, ob eine Unterscheidung bezüglich der Konstituierung als Religions-,,Verein“ oder als Verein mit anderen Zielsetzungen sachlich gerechtfertigt ist. Falls dies nicht der Fall ist – und es gibt keine einsehbaren Gründe, die eine derartige Unterscheidung sachlich rechtfertigen würden -, widerspricht die Praxis bezüglich Paragraph 3a VerG auch dem Gleichheitsgrundsatz. Ein weiteres Problem möchte ich anhand eines Dialoges zeigen, der tatsächlich stattgefunden hat und eine Vernehmung zur Person eines Zeugen bei Gericht darstellen soll: Richter: ,,Name?“ – Zeuge: ,,A…“ – R.: ,,Wohnhaft in…?“ – Z.: ,,…gasse 5“ – R.: ,,Familienstand?“ – Z.: ,,Verheiratet“ – R.: ,,Religion römisch-katholisch!?“ -Z.: ,,Nein, a…“ (Name einer gna RG) – R.: ,,Was ist das? Ist das eine anerkannte Kirche?“ – Z.: ,,Nein“ – R.: ,,Dann also ohne Bekenntnis! Beruf?“ – Z.: ,,Pastor der a..“ (Name der gna RG). So stand dann im Protokoll zu lesen, der Zeuge sei ein Geistlicher ohne Bekenntnis.

(Die Stellung der gesetzlich nicht anerkannten Religionsgesellschaften in Österreich, Gewissen und Freiheit, 1983, S. 19f)

Axel Freiherr v. CAMPENHAUSEN
Staatskirchenrechtler, Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands in Göttingen

Die Auseinandersetzungen um die neuen und so vielfach umstrittenen religiösen Organisationen haben mit einem Schlag den verbreiteten Satz widerlegt, daß Religion Privatsache sei. Sie ist es nur insofern, als der Staat sich in religiöse Angelegenheiten seiner Bürger nicht einmischen und die Religion kein Anlaß zu rechtlicher Ungleichbehandlung sein darf.

Für den einzelnen Menschen und die Kirchen und die Kreise und Organisationen, die sich lebhaft gegen die in der Tat bisweilen problematischen religiösen Praktiken wenden, ist wichtig, daß sie sich vor Augen halten, daß nichts weniger hilfreich ist als der Ruf nach dem Staat als Nothelfer. Man kann nicht Religionsfreiheit für jedermann fordern und gleichzeitig nach dem Staat rufen, wenn von der Entscheidungsfreiheit ein törichter oder schädlich erscheinender Gebrauch gemacht wird. Gegen die in der Tat oft bedrohlichen religiösen Erscheinungen hilft nicht die Polizei und nicht der Amtsrichter, sondern ein geordnetes Leben. Feste Grundsätze im eigenen Leben, eine nicht nur im Munde geführte religiöse Überzeugung, ein entsprechendes Ehe- und Familienleben sind das einzige, was der Jurist als Rat geben kann. Gewiß kann die Polizei darauf achten, daß junge Leute nicht unter dem Vorwand religiöser Mission arbeitsrechtlich ausgebeutet werden, daß die jungen Helfer ordnungsgemäß sozialversichert werden, daß der Vertrieb von Schriften nicht als ein großes Geschäft unter dem Vorwand religiöser Betätigung betrieben wird. Das alles trifft die Sache aber nur am Rande. Entscheidend ist, daß diesen Erscheinungen eine feste religiöse Haltung und ein missionarischer Wille entgegenwirken. Für den Juristen ist es oft überraschend, welche Erwartungen Menschen ihm hier entgegenbringen. Er kann aber den einzelnen nur auf seine eigene religiöse Aufgabe, die Kirche auf ihren missionarischen Auftrag verwiesen.

(Religionsfreiheit ist unteilbar, Lutherische Monatshefte, Nov. 1984)