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Empfehlungen Enquete-Kommission

Empfehlungen des Endberichts der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ (1998)

In der Stellungnahme und den Handlungsempfehlungen des Endberichts der Enquete-Kommission des deutschen Bundestages „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ von 1998 (148 f.) wird die Pflicht des neutralen Staates die allgemeine Religionsfreiheit zu respektieren, wie folgt betont:

Der Staat hat gemäß der in Artikel 4 Grundgesetz [Deutschlands] festgeschriebenen Neutralität und Toleranz die Entscheidung und das Bekenntnis des einzelnen zu seinem Glauben zu respektieren. Allerdings ist er zum Handeln verpflichtet, wo grundlegende Rechte seiner Bürgerinnen und Bürger verletzt werden. (S. 148-149)

Im Endbericht wird die Verwendung des Sektenbegriffs problematisiert, da mit diesem vor allem Konfliktträchtigkeit konnotiert wird und eine undifferenzierte, pauschale Anwendung dessen von Betroffenen als diskriminierend empfunden wird:

Ausschlaggebend für die Verwendung der Bezeichnung „Sekte“ ist nicht mehr allein der ideengeschichtliche Hintergrund einer Gruppe, sondern vor allem bestimmte Konfliktpotentiale. Vorgeworfen werden den unter den Sektenbegriff subsumierten Gruppierungen u. a. Isolation und psychische Manipulation des Einzelnen durch totalitäre Binnenstrukturen und den Einsatz von problematischen Beeinflussungstechniken, Betrug, Ausbeutung, schwere seelische Schäden des Mitglieds und seiner Angehörigen, aber auch der Entwurf antidemokratischer Gesellschaftssysteme. (S. 13)

Die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs stößt auf mehrere Schwierigkeiten. Zum einen läßt sie sich sprachlich nicht gegen andere Ausprägungen des Sektenbegriffs abgrenzen, so daß etwa eine in ihrem Kontext korrekte theologische Verwendung des Begriffs für eine Gruppe in den Medien die Gefahr in sich birgt, den Eindruck zu erwecken, es handele sich um eine in diesem Sinne konfliktträchtige Gruppierung.

Zum anderen kann durch die Etikettierung einer Gruppe mit dem umgangssprachlichen Sektenbegriff transportiert werden, die Gruppe sei konfliktträchtig, sie erzeuge etwa Abhängigkeiten bei ihren Mitgliedern oder sei in anderer Weise gefährlich, obwohl ggf. von den Mitgliedern selbst oder anderen Betroffenen der Sachverhalt anders wahrgenommen wird. Der umgangssprachliche Sektenbegriff leidet damit an einer erheblichen inhaltlichen Undifferenziertheit.

Die Enquete-Kommission hält ihn aus diesen Gründen für in hohem Maße kritikwürdig und verwendet ihn im folgenden [sic] nicht.“ (S. 18)

Anstelle der Bezeichnung „Sekte“ wird daher eine angemessene und neutrale Beschreibung religiöser Minderheiten, die nicht mit traditionellen Mehrheitskirchen assoziiert sind, empfohlen:

In der wissenschaftlichen Literatur ist die Bezeichnung „Neuere religiöse und weltanschauliche Bewegungen“ (NRBs) gebräuchlich. Die Enquete-Kommission verwendet zur angemessenen und neutralen Beschreibung des Sachverhalts die Bezeichnungen „neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen“. Damit kann sie auch der notwendigen Differenziertheit gerecht werden. (S. 21-22)

In Anbetracht der in Kapitel 2 dargestellten Unschärfe und Mißverständlichkeit des Begriffes der „Sekte“ hält es die Enquete-Kommission für wünschenswert, wenn im Rahmen der öffentlichen Auseinandersetzung mit neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen auf die weitere Verwendung des Begriffes „Sekte“ verzichtet würde. Insbesondere in Verlautbarungen staatlicher Stellen – sei es in Aufklärungsbroschüren, Urteilen oder Gesetzestexten – sollte zukünftig die Bezeichnung „Sekte“ vermieden werden. (S. 154)

Auch der Unterstellung, neureligiöse Gruppierungen griffen auf Techniken der Psychomutation oder Gehirnwäsche zurück, wurde eine eindeutige Absage erteilt:

Die Annahme einer „Sekten-Konversion“ durch eigene „Psychotechniken“ wie „Gehirn-, Seelenwäsche“ oder „Psychomutation“ ist zugunsten breiter angelegter Modelle aufzugeben. (S.149)

Ferner wird zugestanden, dass die Zugehörigkeit zu einer neureligiösen Gruppierung für das Mitglied ein Zugewinn an Lebensqualität bedeuten kann:

Es muss jedoch auch der individuelle und soziale Zugewinn, den Menschen erfahren (können), mit in Betracht gezogen werden.(S.148)

Quelle: Deutscher Bundestag (Hg.): Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen in der Bundesrepublik Deutschland. Endbericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“. Bonn 1998.