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FOREF-Kommentar: Fellner will Islam-Verbot

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Die Moschee im Dorf lassen

 

islam verbot
Wien, 24.03.2016 – Wolfgang Fellner, der Herausgeber vom Quasi-Gratisblatt „Österreich“, zieht in seinem viel beachteten Kommentar vom 23.03.2016 folgende Lehre aus den neulichen Terroranschlägen in Brüssel: Von nun an müsse die „Diskussion erlaubt sein, ob nicht der Islam als solcher in Europa verboten werden sollte“. Die Grenzen zwischen moderater Religion und Terror würden sich nämlich „immer mehr“ verwischen.

Hier dünstet die Fäulnis eines rechtspopulistischen Mundgeruchs aus den Zeilen des Faymann-nahen Boulevard-Journalisten. Fellner spielt mit seiner „Anregung“ dem wichtigsten Ziel der ISIS-Terroristen – die Polarisierung der Gesellschaft – geradezu in die Hände. Nur eine Emotionalisierung der Islamdebatte kann die Spaltung in Gläubige einerseits und Nicht-Gläubige, Häretiker und Apostaten andererseits weiter vorantreiben, ganz im Sinne des binären Weltbildes der Islamisten und Jihadisten. Frustrierte und chancenlose junge Menschen aus unerwünschten Minderheiten lassen sich leichter für radikale Zwecke rekrutieren.

Wenn europäische Gesellschaften beginnen, ihre Prinzipien der Menschenwürde, der Freiheit und der Solidarität aufzugeben, hat ISIS schon gewonnen. Statt den Attentätern von Brüssel und Paris einen Sieg zu verzeichnen, sind daher völlig andere Lehren sind aus den jüngsten islamistischen Terroranschlägen zu ziehen:

(1) Die politische Doktrin des laicité  funktioniert nicht, wenn Religion als Resultat in die Privatsphäre gedrängt wird. Damit verliert Religion die Anschlussfähigkeit am öffentlichen Diskurs und somit ihr inhärentes Verantwortungsgefühl für das Wohl des Nächsten. Nirgendwo radikalisiert sich Religion besser als in der Dunkelheit gesellschaftlicher Ausgrenzung. Dort bleibt sie von rationalen Korrektiven unerreicht und wird zum Nährboden extremistischen Unkrauts.

(2) Gerade Anlässe wie die Attacken der mörderischen Bakraoui-Brüder unterstreichen die dringende Notwendigkeit bereits existierender Reformbestrebungen islamischer Theologen in Europa (vgl. die Ansätze eines Mouhanad Khorchide) und wichtiger Präventionsinitiativen (vgl. Quilliam Foundation). Vielleicht hilft es zwischendurch in Erinnerung zu rufen, dass die islamische Welt während ihrer Blütezeit unter den Abbasiden (749 – 1258) einst toleranter und fortschrittlicher war als das damalige Europa. Noch heute profitieren wir von den arabischen Errungenschaften in den Bereichen Medizin, Astronomie, Mathematik und Philosophie.

(3) Religionskundliche Bildung und die Fähigkeit junger Menschen über Glauben zu reflektieren wird zunehmend zu einem entscheidenden Faktor in der Friedenssicherung. Wenn religiöse Menschen gelernt haben zu artikulieren, was an ihrer Religion edel, gut und rein ist, und damit durch Wertschöpfung zu überzeugen, werden sie kontraproduktive Drohungen und Gewalttaten im Namen ihres Glaubens noch stärker verurteilen.

Die Einführung eines Bachelor-Studiums für islamische Theologie, das insgesamt bis zu sechs Stellen für Lehrpersonal umfasst, wurde bereits im neuen Islamgesetz 2015 vorgesehen. Ab dem Wintersemester 2017/18 können Interessierte zum neuen Lehrgang antreten. Insbesondere künftige Imame können sich damit fundiertes Wissen über die Breite an muslimischen Glaubensrichtungen aneignen und werden somit unabhängiger von Ausbildungsangeboten in der Türkei, die oftmals kaum akademische Mindestkriterien erfüllen.

Was Fellners „Denkanstoß“ aus dem Bauch heraus ignoriert: Moderate Muslime wie Prof. Ednan Aslan, die die salafistische Indoktrinierung an Wiener Kindergärten kritisieren, sind die zentralen Schlüsselfiguren in der Gestaltung eines europäischen, d.h. pluralitätsfähigen Islams. (Aslan ist der Autor der Vorstudie zu islamischen Kindergärten in Wien, die auch Fellner kurz in seinem Kommentar flüchtig ansprach) Wenn selbst die ägyptische Al-Azhar-Universität, die höchste Autorität des sunnitischen Islam, die feigen Anschläge in Brüssel als „unislamisch“ verurteilt, ist mit einer Pauschalverurteilung von Muslimen niemandem geholfen.

Wir müssen also die Moschee im Dorf lassen. Denn das Problem der Radikalisierung kann nur in Kooperation mit theologisch geschulten, kreativen, toleranten und verfassungskonformen Muslimen gelöst werden. Den Islam „verbieten“ würde das Gegenteil bewirken, nämlich die Entfremdung isolierter Randgruppen beschleunigen.


 

Eine letzte Anregung: Die österreichische Bundesregierung verschenkt jährlich 600,000 EUR an die sog. Bundesstelle für Sektenfragen (BSS). In akademischen Kreisen weiß man spätestens seit 1987, in politischen Kreisen seit der Enquete-Kommission des deutschen Bundestages 1998, dass vom Großteil der neuen religiösen Bewegungen keine Gefährdungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu erwarten sind. Dementsprechend mangelt es der BSS an einer transparenten, wissenschaftlichen Methodik. Sie produziert nur sporadisch Tätigkeitsberichte, denen es meist an einem aktuellen Österreichbezug fehlt. So bemüht der Geschäftsführer der BSS Dr. German Müller im aktuellsten „Tätigkeitsbericht“ von 2014 die Anschläge der Aum Shinrikyō Mitte der 1990er Jahre in Tokyo heran und versucht damit krampfhaft ein Sekten-Bedrohungsszenario in Österreich zu suggerieren.

Unsere Steuergelder wären besser angelegt in solider und effektiver Präventions- und Bildungsarbeit. Eine solche muss jede Form von Religiosität mit ihren Licht- und Schattenseiten adressieren und kritisch untersuchen. Zugleich muss staatliche Beratungstätigkeit die Religions- und Gewissensfreiheit als universales Grundrecht garantieren können und ungerechtfertigter Diskriminierung entgegenwirken.

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