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Methodische Mängel im Factsheet der Bertelsmann-Stiftung

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FOREF-Kommentar:

Multikulti-Fassade kontra die Vision einer freien, pluralistischen Gesellschaft

 von Franziskus Müller

 keep calm multiculti1

FOREF-Kommentar, 28.05.2016 – Wissen über den religiös „Anderen“ kann helfen, Vorurteile abzubauen. Die Kenntnis von soziologischen Fakten ist zudem wichtig, um potenzielle Konfliktfelder frühzeitig zu erkennen und vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen. Der Religionsmonitor ist ein Forschungsprojekt der Bertelsmann-Stiftung, das seit 2007 Studien mit Unterstützung von „Religionswissenschaftlern, Soziologen und Psychologen“ durchführt. Das erklärte Ziel des Religionsmonitors besteht in der Förderung der religiösen Vielfalt und des friedlichen Miteinanders. Damit ist die Absicht des Projektes von vornherein keine rein wissenschaftliche, sondern besteht in einem gesellschaftlichen Anliegen. Daran wäre soweit auch nichts falsch, solange die Methoden den Standards der angeführten Wissenschaften genügen würden. Die Durchsicht des im Mai 2016 herausgegebenen “Factsheets“ zu Migration, Muslime und Flüchtlinge in Deutschland lässt aber berechtigte Zweifel über die statistische Methode und Datenanalyse des Religionsmonitors aufkommen.

 

1. Mängel in der Studie des Religionsmonitors zu Muslimen in Deutschland

Die Angaben über die Einstellung von Muslimen in Deutschland zeichnen ein Bild beispielhafter „europäischer“ Gesinnung, stehen jedoch zum Teil in offensichtlichem Kontrast zu zahlreichen bisherigen Erhebungen:

–> So schätzen sich laut Factsheet 36% der insgesamt vier Millionen Muslime in Deutschland als „sehr gläubig“ ein. Die Hälfte der Muslime versteht sich als „eher gläubig“. Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung würden nur weniger als 1% der deutschen Muslime zum „islamistischen Milieu“ gehören und einen islamischen Gottesstaat anstreben.

–> Nur 68% der streng gläubigen Muslime betrachten den religiösen Pluralismus in Deutschland als Bereicherung. Das bedeutet, dass 32% der konservativen Muslime in Deutschland (in absoluten Zahlen immerhin 470,000 Personen) keine positive Einstellung zur religiösen Vielfalt haben. Auch unter Muslimen, die sich als „wenig religiös“ bezeichnen, finden sich nur 75%, die den religiösen Pluralismus gut heißen.

–> Trotz des relativ geringen Anteils an Muslimen, die religiöse Vielfalt schätzen, würden nach Angaben des Factsheets immerhin 93% (!) der deutschen Muslime dennoch eine „tolerante Einstellung“ gegenüber anderen Religionen pflegen.

–> 90% der Muslime in Deutschland würden die Demokratie für eine gute Regierungsform halten.

Nicht nur die Widersprüche innerhalb der statistischen Erhebung des Religionsmonitors werfen Fragen nach der Methodik auf. Ein entscheidender Indikator für die Einstellung der muslimischen Bevölkerung gegenüber Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ist die Meinung zur Verbindlichkeit der Scharia. Die signifikante Frage, ob Muslime eine flächendeckende Einführung der Scharia begrüßen würden, wird in der Umfrage der Bertelsmann-Stiftung aber nicht gestellt.

Wie halten es deutsche Muslime mit der Scharia? Eine Studie des Bundesinnenministeriums von 2007 kam zum Ergebnis, dass rund 9,4% der Muslime in Deutschland (in absoluten Zahlen umfasst das etwa einen Anteil von mehr als 300,000 Menschen) die drakonischen Strafen der Scharia befürworten (S.4). Selbstverständlich gibt es „die“ Scharia nicht an sich. Deutungen darüber, wie das islamische Recht zu implementieren ist, variieren unter den Muslimen. Umfragen des Pew Research Center im Jahr 2013 ergaben jedoch, dass beträchtliche Anteile der Muslime in Zentralasien, Südasien oder Nordafrika davon ausgehen, es gäbe nur eine legitime Interpretation der Scharia.

Zudem weisen laut dem Bundesinnenministerium 40% der Muslime fundamentale Orientierungsmuster auf. Diese Einstellung umfasst eine enge religiöse Bindung, eine hohe Alltagsrelevanz religiöser Regeln und Rituale, die pauschale Abwertung der westlich-christlich geprägten Kultur sowie die Ausgrenzung von Muslimen, die sich nicht den strikten religiösen Vorgaben fügen (S. 12). Eine Aktualisierung solcher Daten durch den Religionsmonitor wäre eigentlich hilfreich, um Radikalisierungsprozesse vorzubeugen sowie innerislamische Reformbemühungen effektiv zu fördern. Stattdessen werden umstrittene Themen ignoriert und ein unrealistisches Bild eines liberalen, pluralistischen Islams gezeichnet, der in dieser Form unter der Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime nicht existiert.

Problematisch ist nicht nur die Art der Fragestellungen des Religionsmonitors 2015, auf den sich die Zahlen des vorliegenden Factsheets beziehen. Auch die quantitative Datengrundlage der Islamstudie weist grobe Mängel auf. Lediglich n=322 in Deutschland lebende Muslime wurden für die Studie befragt – das ist eine verschwindend kleine Zahl im Vergleich zur Gesamtzahl von 4 Millionen. Die widersprüchlichen Resultate der Studie zur Toleranz gegenüber Andersgläubigen, oder ob Demokratie als Regierungsform akzeptiert wird, lassen darauf schließen, dass es sich bei einem großen Teil der befragten Personen keineswegs um eine zufällig gestreute Stichprobe handelte, sondern um Personengruppen, die wussten, welche Antworten erwartet wurden.

 

2. Was bezweckt die Bertelsmann-Stiftung damit, den Islam in Deutschland liberaler darzustellen als er tatsächlich ist?

Der erschreckend niedrige Anteil an Muslimen, die religiösen Pluralismus als Bereicherung betrachten, wird von der Bertelsmann-Stiftung nicht thematisiert. Im Gegenteil, trotz solcher Tendenzen wird der Großteil der Muslime (über 90%) anhand schwammig formulierter Demokratiebekenntnisse als liberal und tolerant dargestellt. Nicht nur das: Die bestehenden Konflikte mit Muslimen seien vielmehr auf die grassierende Intoleranz der nicht-muslimischen Bevölkerung zurückzuführen.

So betont die Projektmanagerin des Religionsmonitors, Yasemin El-Menouar, im besagten Factsheet, dass anti-islamische Ansichten unter der Mehrheit (57%) der nicht-muslimischen Bevölkerung zu finden seien. El-Menouar führt den schlechten Ruf der Muslime in Deutschland auf die Aktivitäten von Islamisten zurück. Die radikalen Muslime würden aber nur lächerliche 1% der muslimischen Gesamtbevölkerung darstellen und deren theologischen und politischen Meinungen würden bei der Mehrheit der Muslime gar keinen Anklang finden. Damit würde der Großteil der deutschen Muslime zu Unrecht verdächtigt und diskreditiert von einer schlecht informierten autochtonen Bevölkerung.

Die Sonderauswertung des Religionsmonitors zum Thema Islam von 2015 erklärt tatsächlich, dass der „offenen Haltung der Muslime […] eine zunehmend ablehnende Haltung seitens der deutschen Mehrheitsbevölkerung gegenüber“ stehe. Damit wird die tendenziöse Absicht von Frau El-Menouar offengelegt: Es geht darum, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Ängste und Paranoia der nicht-muslimischen Bevölkerung deren Problem ist. Die Xenophobie des Mehrheitsdeutschen setzt ihren historisch tiefwurzelnden Rassismus fort und hat in den Muslimen ein neues Opfer gefunden. Diese Polemik gehört bereits zum medialen Trend, während die freie Meinungsäußerung durch Gesetze zur Wahrung des „öffentlichen Friedens“ zusätzlich eingeschränkt wird. Die hintergründige Agenda solch einseitiger Darstellungen ist für eine sachliche Aufklärung aber nicht nur hinderlich, sondern wird unverstandene deutsche Wähler in die Hände rechtspopulistischer Parteien und anti-islamischer Protestbewegungen wie PEGIDA treiben.

Die Leiter des Religionsmonitors behaupten, dass auch Fachleute aus den Bereichen „Psychologie, Soziologie und Religionswissenschaft“ zu Rate gezogen würden. Dass die Autoren der Studien zum Thema Islam fast ausnahmslos Ausbildungen in Politik- und Medienwissenschaft vorweisen und dass keine Religionswissenschaftler konsultiert wurden, ist auffällig. Transparenz und inhaltliche Kompetenz gehören zu den Grundsätzen der Bertelsmann-Stiftung, doch leider fehlt dem Religionsmonitor das notwendige religionswissenschaftliche Kuratorium. Um wissenschaftliche Mindeststandards im konflikthaften Themenfeld „Religion und Gesellschaft“ zu erfüllen, sollte die Bertelsmann-Stiftung, ein Gremium unabhängiger Experten einführen.

Die Ergebnisse des Religionsmonitors selbst widersprechen ja der postulierten „offenen Haltung“ der Muslime, nicht nur in der Frage nach der Befürwortung religiöser Vielfalt. Die Studie ergab zudem, dass 17% der Muslime in Deutschland (ca. 680,000 Personen) die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nicht als einen fest verankerten Wert betrachten. Allein diese Erkenntnis wäre ein sinnvoller Ausgangspunkt zur Anregung einer Debatte, zu der muslimische Frauen als gleichberechtigte Dialogpartner eingeladen werden könnten! Schließlich ist der Islam – wie andere Religionen auch – kein monolithisches Gebilde, sondern interagiert und entwickelt sich mit seinem soziokulturellen Kontext. In der sog. „Goldenen Ära“ des Islams galt er als toleranter als das mittelalterliche Christentum. Gerade im heutigen Europa existiert ein intellektueller Boden auf dem ein mündiger, reflektierter Islam entstehen kann, der die plumpen radikalen Strömungen des arabischen und zentralasiatischen Raumes durch seine Veredelung in den Schatten stellen könnte.

 

3. Fazit: Multikulti-Perspektive bestimmt Auswahl der Ergebnisse, ist aber kontraproduktiv für Reformbestrebungen

Vielfalt ist noch kein Wert an sich. Erst eine Vielfalt, die Begegnung auf Grundlage gemeinsamer Werte ermöglicht und die Freiheit des Individuums respektiert, kann als gesellschaftliche Bereicherung begriffen werden.

Migration trägt zweifellos zur Diversifizierung der religiösen Landschaft bei. Letztes Jahr kamen mehr als 1 Million Flüchtlinge nach Deutschland. Der Großteil stammt aus Gebieten, in denen eine Tradition von Demokratie, Menschenrechten oder Religionsfreiheit nicht vorhanden ist. Dementsprechend kann nicht a priori angenommen werden, dass Menschen, die dem Terror Syriens, Iraks, Afghanistans und Iran entkommen sind, sich mit ihrer Ankunft in Europa automatisch zu europäischen Werten bekehren. Die religiöse Orientierung der Ankömmlinge ist ein nicht zu vernachlässigender Faktor, wenn es um Integrationswillen und Einstellung zur rechtsstaatlichen Kultur des Gastgeberlandes geht.

Die Würde des Menschen und der Respekt der Grundfreiheiten des Individuums sind die Grundlagen einer authentischen pluralistischen Gesellschaft. Statt diese Grundlage als Kriterium zu wählen, stützt sich die Bertelsmann-Stiftung auf die Idee des Multikulturalismus. Dieser Ansatz geht davon aus, dass jede Religion einen gleichermaßen positiven Beitrag zur kulturellen Vielfalt und gesellschaftlichen Harmonie leisten würde. Diese Vorstellung eines symbiotischen Verhältnisses zwischen Religionsgemeinschaften und Gesamtgesellschaft erweist sicher jedoch als naiv. Die Pluralismusfähigkeit von Religionen ist das Ergebnis eines kulturhistorischen Reifungsprozesses und kann nicht für jede Tradition von vornherein angenommen werden.

Mit diesem naiven Ansatz gelangt man zu einer zerspaltenen Gesellschaft von Parallelgesellschaften, in der es in zentralen Fragestellungen wie Menschenwürde, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit keinen Konsens mehr gibt. Erst die Anerkennung der Würde des Menschen und seiner grundlegenden Freiheit als gemeinsame Wertegrundlage begünstigt eine Gesellschaft, in der Vielfalt gedeihen kann. (Selbst intolerante Ansichten sind in Europa durch die Religions- und Glaubensfreiheit geschützt und können von einer pluralistischen Gesellschaft ertragen werden, solange die Freiheit anderer dabei unberührt bleibt. Die für uns selbstverständlich gewordene Religionsfreiheit – das Recht, seinen Glauben frei zu wählen, und die Freiheit von Religion – ist nicht überall Normalität. Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam (1990), die von 56 Mitgliedsstaaten der Organisation für islamische Zusammenarbeit (OIC) unterschrieben wurde, bestimmt die Scharia als Grundlage der Menschenrechte und erklärt die islamische Umma zur gottgewollten, besten Form der menschlichen Gemeinschaft. Das Dokument stellt einen radikalen Gegenentwurf zu den Begriffen universaler Menschenwürde und -rechte dar und legitimiert die Diskriminierung von Nicht-Muslimen.)

Der Bertelsmann-Stiftung ist das Bestreben, zu religiöser Vielfalt und gegenseitigem Verstehen beizutragen, hoch anzurechnen. Um ihre Ziele jedoch erreichen zu können, muss sie ihre Methodologie überdenken. Anti-islamische Vorurteile sind zwar in der Tat ein ernstzunehmendes Problem in Deutschland. Diese können aber nicht beseitigt werden, indem der Reformbedarf der muslimischen Gemeinschaften pauschal geleugnet wird. Die populistischen Reaktionen in Deutschland und anderen europäischen Ländern weisen bereits ein tiefes Misstrauen gegenüber „Islam-Experten“ und den Medien („Lügenpresse“) auf. Studien, die als einseitige Toleranzappelle fungieren, bekräftigen dieses Misstrauen. Zudem erschwert das Ausblenden von demokratiefeindlichen und anti-pluralistischen Haltungen innerhalb des islamischen Mainstreams die Arbeit von islamischen Reformtheologen.

Muslime gehören selbstverständlich zu Deutschland. Extremistische Strömugen hingegen haben in einer pluralistischen Zukunft keinen Platz.

 

 

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