Bitte geben Sie Ihren Benutzernamen und E-Mail-Adresse. Neues Passwort anfordern
x

Neues Religionsrecht soll Anerkennung von Minderheiten blockieren – Medienhetze gegen „Sekten“

20

SLOWAKEI: Religionsfreiheit nur für die Großen und Mächtigen?

Barbara Grabner

slovakia

Bratislava, 05.11.2016 (FOREF) – Die Slowakische Nationalpartei versucht das derzeit gültige Religionsrecht zu ändern. Religiöse Gruppen müssen nun 50.000(!) volljährige Mitglieder vorweisen können, um vom slowakischen Staat anerkannt zu werden. Währenddessen bildet sich eine seltsame Kooperation zwischen den Medien und der Kirchenabteilung des slowakischen Kulturministeriums, was zur vermehrten Stigmatisierung kleinerer Kirchen und religiöser Minderheiten führt. 

Während in den Jahren 2014 und 2015 mehrere Konferenzen über die Gefährdung der Religionsfreiheit in der Slowakei stattfanden und religiöse Toleranz im Vormarsch zu sein schien, lodern nun wieder Flammen der Intoleranz. Im September hatte die Slowakische Nationale Partei (SNS), welche der herrschenden Koalitionsregierung angehört, vorgeschlagen, dass eine Religionsgemeinschaft nur dann als “Kirche” vom Staat Anerkennung finden sollte, wenn sie 50.000 erwachsene Mitglieder – alle mit Dauerwohnsitz in der Slowakei – vorweisen kann! Dieser Vorschlag wurde vom SNS Politiker Andrej Danko, gegenwärtig Präsident des Slowakischen Nationalrates, gemacht. Die aktuelle Gesetzeslage ist bereits absolut restriktiv und fordert einen Mitgliederstand von 20.000. Eine Latte, die für viele kleinere Gemeinschaften viel zu hoch ist. Die Anzahl auf 50.000 anzuheben könnte dem Staat die Mittel in die Hand geben, kleinere Kirchen abzuwürgen und Neuen Religiösen Bewegungen (NRB) die Etablierung unmöglich zu machen. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen, aber die Slowakische Nationale Partei möchte die Novellierung bis Jänner 2017 durchziehen.

Unglücklicherweise gießt die Abteilung für Kirchen im Slowakischen Kulturministerium Öl ins Feuer anstatt die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit zu verteidigen. Während der letzten Monaten wurden in der Presse verleumderische Artikel über religiöse Minderheiten veröffentlicht, nach Jahren der relativen Ruhe. Die Hauptquelle für die Informationen scheinen von der Abteilungsmitarbeiterin Mag. Lucia Grešková zu kommen. Dieser Umstand wurde von einer von FOREF befragten Journalistin bestätigt. Mag. Grešková studierte Theologie und Politikwissenschaften und fördert den medialen Kreuzzug gegen kleinere Glaubensgemeinschaften maßgeblich. Ab 2017 wird sie Vorlesungen über “Religiösen Extremismus” auf dem Institut für Politologie an der Comenius Universität Bratislava halten. Dass Grešková nicht ohne die Zustimmung des Chefs der Abteilung, Dr. Ján Juran handelt, kann man sich vorstellen. Die Medienhetze mit Stoff zu versorgen geschieht da nicht aufgrund von Unwissenheit, hat sie doch auch Massenmedien und Kommunikation an der Katholischen Universität in Lublin studiert. Zudem gibt sie zu, dass der Stempel “Sekte” von den meisten Religionswissenschaftlern abgelehnt wird.

Das beliebte Politmagazin PLUS 7 DNÍ veröffentlicht eine Serie über die “dunklen Praktiken” mehrerer Glaubensgemeinschaften, darunter auch ein katholisches Nonnenkloster. Redaktionsmitglied Monika Mikulcová hängt das “Sektenschild” auch staatlich anerkannten Gemeinschaften wie die Apostolische Kirche an, welche sie in ihrem neuesten Artikel angreift “Neugeborene Christen – sind auch charismatische Bewegungen Sekten?” Mikulcová zitiert darin wieder die Abteilung für Kirchen als Hauptquelle. Ein Untertitel macht die Stoßrichtung deutlich: “Sie haben meine Tochter zerstört, sagt unglückliche Mutter über die Apostolische Kirche”.

Statt “Bekehrung” schreibt Mikulcová immerzu von “Manipulation” und anstelle von “Spenden” schreibt sie von “Eintreibung” und anderen herabwürdigen Wortprägungen. Als Absolventin der philosophischen Fakultät der Comenius Universität weiß sie, wie man mit Worten ein (negatives) Image stanzt. Es ist gut möglich, dass ihre Reportagen in PLUS 7 DNÍ in die Hände der Slowakischen Nationalen Partei spielen, die sich bemüht, den Glaubensgemeinschaften legislative Hindernisse aufzubürden.

Wie auch andernorts, so gibt es auch in der Slowakei fragwürdige Sektenexperten wie z.B. Ivana Škodová. Frau Škodová gewinnt aufgrund der skandalösen Presseberichte “Kundschaft” für ihren Beratungsbetrieb “Integra – Zentrum für die Prävention von Sekten”. Wann immer das Thema aufkommt, ist die Psychologin an der Frontlinie, um die Öffentlichkeit zu warnen. In ihrem Interview für das Magazin PLUS 7 DNÍ (6.10.) sagte sie, dass jede Gemeinschaft “sektiererische Praktiken entwickeln kann” und dass die Sekten “eine ständige Bedrohung sind, obwohl sie sich zur Zeit unauffällig geben.” Stimulanz für kollektive Paranoia? Ivana Škodová ist keine Gläubige und betrachtet typische religiöse Traditionen wie Fasten als gefährliches und unverantwortliches Verhalten. Seit 1995 führt sie unentwegt einen Kreuzzug gegen “bedrohliche Sekten” und besuchte unzählige Schulen und Jungendorganisationen zwecks Immunisierung. FOREF wurde von direkt Involvierten mitgeteilt, dass Škodová prinzipiell mit “Sektenmitgliedern” jeden Dialog verweigert, aber Apostaten und unglückliche Eltern immer ein offenes Ohr bei ihr finden. Aber eine “Sekte” können nach ihrem Dafürhalten auch unschuldige Institutionen wie die Waldorf Schulen sein. Eine böswillige Attacke auf das alternative Schulsystem erschien im Magazin Rodinka (16.4.2016), um die Öffentlichkeit vor den versteckten Gefahren durch Rudolf Steiners Philosophie zu warnen. Ganz typisch basiert der Bericht auf den Klagen einer einzigen (!) frustrierten Mutter, die Zufriedenheit der Mehrheit der Eltern wird tunlichst verschwiegen.

Es scheint eine direkte Zusammenarbeit zwischen Ivana Škodová und der Abteilung für Kirchen zu geben, was die Versorgung der Journalisten mit “Zeugen” anbetrifft. Es war wohl kaum ein Zufall, dass man dasselbe Ex-Mitglied der Vereinigungsbewegung, mit welchem Monika Mikulcová bereits ihre 10-seitige Reportage (Ausgaben 6. und 13 Oktober) machte, auch bei der Tageszeitung Denník N ausgiebig zu Wort kommen ließ. Nirgends wurde erwähnt, dass Ján F. seit jungen Jahren an Bipolaren Störungen (manisch-depressiv) litt, einen Geschäftsmann zu erpressen versuchte, einen bekannten Politiker durch sein ungesetzliches Handeln erzürnt hatte, usw. Kurz gesagt, dieser “Zeuge” kann mit keinem Maßstab als zuverlässige Quelle bezeichnet werden. Obwohl der Zeitungsredakteur Dušan Mikušovič mehrere Stunden Interviews mit dem Sprecher der Vereinigungsbewegung geführt hatte, wurde dennoch Ján F. volle Glaubwürdigkeit zugesprochen und ihm der Löwenanteil der zweiseitigen Reportage gewidmet. Dort wurde auch Lucia Grešková u.a. mit der Behauptung zitiert, dass die Bewegung zwar keine Gesetze verletze und dass ihre “Mitglieder sich gezielt unauffällig verhalten” weil sie ihre wahren Absichten verschleiern wollen. (Ausgabe 11.5.2016, Seite 5)

Zur Zeit gelangt jeder in die Medien, wenn er oder sie sich bloß als “Opfer einer Sekte” darstellt – egal wie fragwürdig die Anklage sein mag. Aber nur ein feinfühliger und wirklich objektiver Umgang mit den Glaubensgemeinschaften – seien es große oder kleine – schaffen echte Religionsfreiheit. Es scheint, dass die Slowakei dieses Privileg künftig nur den großen und mächtigen Kirchen einräumen will.

Mag. Barbara Grabner ist Journalistin und FOREF-Korrespondentin in Bratislava. FOREF Europa ist eine säkulare Organisation der Zivilgesellschaft, die sich der Verteidigung der Religionsfreiheit im Einklang mit internationalem Recht widmet.

 

Tags

0 Kommentare auf “Neues Religionsrecht soll Anerkennung von Minderheiten blockieren – Medienhetze gegen „Sekten“”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.